Fahrassistenz: Politik und Forschung hinken der Praxis hinterher

Unfälle vermeiden: Fahrerassistenzsysteme sollen Automobilisten entlasten und die Verkehrssicherheit erhöhen. Doch es fehlen Normen und Gesetze. Um solche zu schaffen, müsste zuerst geforscht werden.

Im September 2015 hatte sich FDP-Politiker Philipp Müller übermüdet in sein Auto gesetzt. In Lenzburg geriet er auf die Gegenfahrbahn, worauf er eine entgegenkommende Rollerfahrerin rammte und schwer verletzte. Wie sich später herausstellte, hatten sich vor dem Unfall mehrmals Spurhalte- sowie Bremsassistenz eingeschaltet – Philipp Müller hätte also gewarnt sein müssen.

Noch tragischer verlief der Unfall eines Teslafahrers in Florida: Er hatte voll auf die eingebauten Assistenzfahrsysteme vertraut und schaute während der Fahrt einen Film. Dabei raste der Fahrer mit seinem Sportwagen in einen abbiegenden Sattelschlepper und starb. Der eingebaute Autopilot hatte versagt.

Von der Technik überfordert

In beiden geschilderten Fällen konnten die eingebauten Fahrerassistenzsysteme einen Unfall nicht verhindern. Im Gegenteil: Beim Tesla-Fahrer waren sie sogar teilweise Grund für den Unfall. Hätte er sich nicht auf den Autopiloten verlassen, wäre es kaum zur Kollision mit dem Sattelschlepper gekommen.

Doch wie oft verhindern Fahrassistenzsysteme einen Unfall tatsächlich ? Wie und wann können sie helfen? Und wo liegen ihre Grenzen? «Wir wissen leider viel zu wenig über die tatsächliche Wirkung  der heute eingebauten Fahrassistenzsysteme», sagt Markus H. Muser, Geschäftsleiter der Arbeitsgruppe für Unfallmechanik (AGU). Man sei noch weit davon entfernt, greifende Normen und Gesetze zu haben. «Das Resultat ist, dass viele Automobilisten gar nicht wissen, was ihr Fahrerassistenzsystem kann und was nicht.» Doch birgt ein falsch eingesetztes System Gefahren und kann im schlimmsten Fall sogar zum Unfallverursacher werden. Richtig eingesetzt, erhöhe ein Fahrerassistenzsystem hingegen die Verkehrssicherheit, ist Markus H. Muser überzeugt. «Da viele Automobilistinnen und Automobilisten allerdings mit der eingebauten Technik überfordert sind, benutzen sie sie gar nicht.»

Verantwortung beim Konsumenten

Klar ist: Die Fahrzeughersteller bringen laufend neue Assistenzsysteme heraus, der technologische Fortschritt verläuft ähnlich schnell wie bei der Digitalisierung. «Politik und Gesetzgeber haben sich davon überrollen lassen», sagt Markus H. Muser. Dabei wären verbindliche Vorschriften dringend notwendig. Nur so lassen sich Fahrerassistenzsysteme wirkungsvoll nutzen. Es gelte zu definieren, wo welche Hilfsmittel eingesetzt werden können, wann der Fahrzeughersteller die Verantwortung übernehmen müsse und wann nicht. «Momentan überträgt er diese vollständig an die Konsumenten.»

Zur Zeit gibt es für die wenigsten Assistenzsysteme  Tests, welche die Wirkungsweise nach Standardverfahren belegen, wie dies zum Beispiel ein Crashtest tut. Und auch das Strassenverkehrsamt prüft nicht, ob ein Fahrassistenzsystem nach Jahren noch funktioniert. «Wie auch, die Verkehrsexperten können bei einem Fahrzeug nur mit grossem Aufwand selbst herausfinden, was eingebaut ist.»

Es braucht Forschung

Bereits 2015 hat SP-Nationalrätin und VCS-Zentralpräsidentin Evi Allemann den Bundesrat mittels Interpellation gefragt, ob er die Einschätzung teile, dass sich Verkehrssicherheit und Unfallforschung verbessern würden, wenn die Informationen zu Fahrerassistenzsystemen in Datenbanken wie zum Beispiel dem Motorfahrzeuginformationssystem der Eidgenössischen Fahrzeugkontrolle (MOFIS) abgespeichert würden. Diese liessen sich anhand der Fahrzeugidentifikationsnummer FIN bei den Herstellern recht einfach beschaffen. Der Bundesrat teilte diese Einschätzung jedoch nicht.

«Das ist falsch», ist Unfallforscher Markus H. Muser überzeugt. Ohne solche Daten wird der Gesetzgeber keine verbindlichen Richtlinien schaffen können – jedenfalls nicht solche, die greifen.» Er plädiert deshalb dafür, die MOFIS-Datenbank zu ergänzen und Unfälle auch punkto eingesetzter Fahrerassistenzsysteme zu untersuchen. «Sonst wird die Politik immer nur reagieren und nie agieren können.»

Raphael Hegglin

 

Blogserie Fahrassistenzsysteme

In dieser Serie erscheinen Beiträge zum Thema Fahrassistenzsysteme. In den Beiträgen von verschiedenen Autoren werden unterschiedliche Aspekte des Themas beleuchtet: Chancen und Risiken für die Verkehrssicherheit, regulatorische Rahmenbedingungen, technische Entwicklungen und die Zukunftsvision des autonomen Fahrens.
Fahrassistenzsysteme und Verkehrssicherheit – ein Interview mit Bernhard Gerster
Die Beiträge dieser Blogserie werden auch auf der Webseite www.sicheres-auto.ch publiziert. Auf dieser Webseite finden Sie weitere Informationen über Fahrassistenzsysteme und eine Datenbank in Sie nachsehen können welche Fahrassistenzsysteme für die meistverkauften Autos der Schweiz verfügbar sind.

2 Gedanken zu „Fahrassistenz: Politik und Forschung hinken der Praxis hinterher

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