Der Mensch könnte die Natur nachhaltig nutzen, ohne sie zu zerstören.

Werner Bätzing hat wie kaum ein anderer über die Alpen geforscht und nachgedacht. Seine «Streitschrift» erscheint nun in einer zweiten Auflage, die Thesen bleiben aktuell: Der Mensch könnte die Natur nachhaltig nutzen, ohne sie zu zerstören.

Interview: Dominique Eva Rast

 

VCS-Magazin: Sind Ihre elf Thesen noch aktuell?
Werner Bätzing: Ja – diese Thesen sind immer noch total aktuell. Deswegen habe ich an ihnen auch in der zweiten Auflage der Streitschrift nichts geändert.

Es gibt nun eine Neuauflage der Streitschrift: Was ist neu daran?
Die Streitschrift hat gleich nach ihrem Erscheinen eine Reihe von wichtigen Kontroversen ausgelöst. Im neuen «Nachwort» der Streitschrift stelle ich die wichtigsten davon vor, damit diese Diskussionen auf eine produktive Weise fortgeführt werden.  

Welche These liegt Ihnen am meisten am Herzen?
Mir ist These neun am wichtigsten: Die Probleme der Alpen sind gar keine Probleme, die nur in den Alpen und nirgendwo sonst vorkommen, sondern es sind typische Probleme unserer globalen Wirtschafts- und Lebensform, die sich in den Alpen nur besonders deutlich und heftig zeigen. Anderswo kann man diese Probleme leichter übersehen und verdrängen, aber in den Alpen geht das nicht.

Wieso ist es so wichtig, dass die Alpen nicht verwildern?
Die Kulturlandschaft der Alpen, also die menschlich veränderte und nachhaltig genutzte Alpennatur, ist Symbol dafür, dass der Mensch die Natur zum Zweck seines Überlebens tiefgreifend verändern kann, ohne sie zu zerstören. Verwilderte Alpen, also Wildnis auf der einen Seite und verstädterte, zersiedelte und intensivst genutzte Gebiete auf der anderen Seite sind dagegen Symbol dafür, dass Natur und Mensch einen unaufhebbaren Gegensatz bilden – dieses Denken führt in die Katastrophe.

Ein Lösungsansatz war, die Alpen dezentral zu nutzen und auf regionale Qualitätsprodukte zu setzen. In der Schweiz versuchen das die Grossverteiler: Ist das in Ihrem Sinn und Geist?
Im Prinzip ja. Allerdings muss ich sagen, dass ich die Schweizer Ansätze nicht genau kenne. In Deutschland habe ich mit dem Lebensmitteleinzelhandel in Bezug auf Regionalprodukte oft negative Erfahrungen gemacht, weil die grossen Einzelhandelskonzerne aus Kosten- und Logistikgründen an echten Regionalprodukten wenig Interesse haben und meist fingierte Regionalprodukte anbieten.

Was wäre eine sinnvolle Erschliessung des Alpenraums? Und welche Art von Mobilität braucht es? Der ÖV allein kann die Bedürfnisse ja nicht befriedigen: Ein Tierarzt hat keine Zeit, auf das Postauto zu warten, wenn eine Kuh kalbert.
Eine angemessene Erreichbarkeit aller dauerhaft oder temporär bewohnter Siedlungen und Orte ist für ein heutiges Leben unverzichtbar. Dafür braucht es Fahrstrassen, die aber nicht immer und überall für schwere LKW ausgelegt sein müssen, und in manchen Fällen sind Seilbahnen effektiver und kostengünstiger als Strassen. Bei der Gestaltung des öffentlichen Verkehrs braucht es neue, innovative Lösungen, um die meist wenigen Benutzer flexibel und dezentral transportieren zu können; unser modernes Verkehrssystem ist am Transport von sehr grossen Menschenmengen auf wenigen Hauptstrecken orientiert und deshalb dafür nicht geeignet.

Wirtschaftlich gesehen: Haben die Alpen eine Zukunft oder hängen sie am Tropf der staatlichen Finanzierung?
Erstens haben Staat/Kantone die Aufgabe, dezentrale Infrastrukturen (Gesundheit, Bildung, Erreichbarkeit usw.) für ihr gesamtes Gebiet zur Verfügung zu stellen; diese Strukturen sind pro Kopf der Bevölkerung in den Alpen zwar teurer als im Flachland und besonders in den Städten, aber dies ist kein «staatlicher Tropf», sondern eine staatliche Pflicht für alle seine Bürger, und eine einseitige Bevorzugung der Stadtbevölkerung wäre undemokratisch. Zweitens geht es um das Wirtschaften im Alpenraum, das idealerweise vom Staat nicht subventioniert werden sollte («gerechte» Preise für Produkte und Dienstleistungen aus den Alpen). Derzeit werden aber zahlreiche Leistungen, die die Alpen erbringen, ökonomisch nicht abgegolten (etwa Ökosystemdienstleistungen), oder sie sind politisch verzerrt (zum Beispiel Wasserzinsen), so dass die Forderung einer Einstellung der staatlichen Subventionen kontraproduktiv wäre. Stattdessen wären die staatlichen Zahlungen sehr direkt an konkrete Leistungen zu binden, so dass klar wird, dass es sich nicht um Subventionen, sondern um die Abgeltung von Leistungen handelt, die keinen Marktpreis besitzen. Und langfristig wäre anzustreben, dass diese Leistungen in den Preis der Waren und Dienstleistungen eingehen.

Was halten Sie von den Ideen der Studie von Avenir Suisse, welche im Februar publiziert wurde?
Das ist genau das, was ich in der Streitschrift als «Anschluss an die Moderne» kritisiere: Die Alpen sollen nach den gleichen Grundsätzen wie im Mittelland aufgewertet werden. Aber das funktioniert eben nicht, sonst würden sie schon lange sehr viel besser dastehen. Was bei Avenir Suisse völlig fehlt, ist ein Verständnis für alpenspezifisches Wirtschaften und Leben – alles wird dem liberalen Dogma unterworfen. Und wenn der Autor von grossen, erfolgreichen Seilbahngesellschaften und touristischen Resorts schwärmt, dann übersieht er dabei, dass es derzeit gerade solche Strukturen sind, die viele kleine, dezentrale Anbieter in den Ruin treiben.

Monika Bandi Tanner sieht im Interview (Ausgabe 5/2016) recht viele Chancen im Tourismus. Halten Sie nachhaltigen Tourismus für realistisch?
Ein nachhaltiger Tourismus ist für mich eine «reale Utopie» (Wright: «Reale Utopien», Berlin 2017) – es gibt einerseits sehr viele, sehr gute und sehr überzeugende Ansätze dafür in den Alpen, aber andererseits kann/darf ein nachhaltiger Tourismus kein unendliches Wirtschaftswachstum erzeugen, und jeder Bankkredit für ein (Tourismus-)Projekt geht immer von einem Wachstum aus, worauf Hans-Christoph Binswanger grundsätzlich hingewiesen hat. Um die Rahmenbedingungen für nachhaltigen Tourismus zu verbessern, fordere ich seit längerem, dass in den Alpen keine neuen Gebiete für den Tourismus technisch erschlossen werden dürfen. Damit soll der derzeitige ruinöse Wettbewerb gedämpft werden, der zu zahlreichen Überkapazitäten geführt hat. Erst auf dieser Grundlage könnten die zahlreichen Tourismuszentren nachhaltig umgebaut werden (Re-Regionalisierung) und könnten ausserhalb davon viele neue nachhaltige Projekte realisiert werden.


Kurz zusammengefasst: die elf Thesen

  1. Die Alpen werden als wirtschaftsschwache Region und Peripherie immer unwichtiger.
  2. Die Alpen spielen heute nur noch eine Randrolle als Ergänzung zu den Metropolen.
  3. Die spezifischen Lebens- und Wirtschaftsformen der Alpen verschwinden durch Verwilderung und Verstädterung.
  4. Dadurch verschwindet das Wissen, wie man die Alpen nutzen kann, ohne sie zu zerstören.
  5. In den verstädterten Alpenregionen konzentrieren sich heute zwei Drittel der Bevölkerung und drei Viertel der Arbeitsplätze.
  6. Der Tourismus hat die Alpen nie flächenhaft geprägt.
  7. Im Gebirgsraum existiert neben dem Tourismus nur Wasserkraft als Nutzungsform – allerdings fliesst der Gewinn aus den Alpen ab.
  8. Die Alpen werden in Zukunft nur noch aus verstädterten Gebieten und aus Wildnisgebieten bestehen.
  9. In den Alpen zeigen sich die zentralen Probleme der globalen Entwicklung besonders anschaulich und deutlich.
  10. Für eine positive Zukunft muss die dezentrale Nutzung der Alpenressourcen in umwelt- und sozialverträglichen Formen gestärkt werden.
  11. Eine Aufwertung muss als gleichwertige Form von endogenen und exogenen Nutzungen erfolgen.

© U.Ertle München

 

Werner Bätzing (* 24. Juni 1949 in Kassel) ist emeritierter Professor für Kulturgeographie am Institut für Geographie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Beim Rotpunkt-Verlag ist eben die zweite Auflage von «Zwischen Wildnis und Freizeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen» erschienen.

 

 


 

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