Bern ist vernetzt

Bern hat sich in den letzten 20 Jahren zu einer lebhaften, attraktiven Stadt gemausert. Wo einst Park-plätze waren, spritzt jetzt Wasser und plötzlich gibt’s richtige Velopulks.

Von Dominique Eva Rast

Menschen, die auf Plätzen am Boden oder auf Stühlen sitzen, picknicken, plaudern: Ein Alltagsbild in Bern. Das war nicht immer so, in den 60er- und 70er-Jahren haben sind vor allem Familien aus der «autogerechten» Stadt in die Agglomeration weggezogen. Nun kommen sie zurück, seit 2002 nimmt die Wohnbevölkerung der Stadt wieder zu. Zurück kommen die Menschen ohne Auto oder mit einem, das geteilt wird. Das freut Franziska Grossenbacher, Präsidentin der VCS-Regionalgruppe Bern: «Für autofreies und autoarmes Wohnen setzen wir uns seit Jahren ein.» Gemeinsam mit Partnern habe man die Thematik entwickelt, Umsetzungshilfen erarbeitet und rechtliche Rahmenbedingungen abgeklärt. Bescheiden betont Grossenbacher immer wieder, dass es nicht allein der Ver-dienst des VCS Bern sei, dass das Thema in Bern und der Agglomeration Fahrt aufgenommen hat. Und sie weist darauf hin, wie wichtig Vernetzung mit Partnern sei, etwa in der vom VCS initierten regionalen Mobilitätskonferenz: «Wir arbeiten zum Beispiel mit Pro Velo und dem WWF eng zusammen, unterstützen einander und entwickeln gemeinsam Ideen.»

Kurze Wege, Platz sparen
Stadtpräsident Alec von Graffenried ist mit Leidenschaft bei der Sache, wenn es um Stadtentwicklung geht: «Die Zukunft unserer Stadt liegt in der Lösung der Herausforderungen einer zeitgemässen Mobilität. » Bern sei eine Stadt der kurzen Wege, effizient und schnell könne man zur Arbeit fahren, Menschen treffen oder in der Aare schwimmen. Entscheidend sei: «Diese Wege muss man umweltschonend zurücklegen.» Begenungszonen (über 100) und Tempo 30 auf Quartierstrassen sind mittlerweile eine Selbstverständlichkeit , ab 2018 gibt’s ein richtig grosses Veloverleihsystem und die Stadt hat einen gut ausgebauten öffentlichen Verkehr. Das lobt auch Franziska Grossenbacher: «Vor 20 Jahren gab es keinen Busanschluss, wenn man mit dem letzten Zug von Zürich ankam. Der Ausbau des Nachtnetzes etwa ist beeindruckend.»

Altstadt als Vorbild
Für den Blick nach vorne schaut der Stadtpräsident zurück und schwärmt von der mittelalterlichen Berner Altstadt: «Das Stadt- und Lebensmodell funktioniert bis heute.» Wohnen und Arbeiten sei in einer idealen Mischung entstanden, mit Rückzugsräumen und beständigen Materialien. Diese Mischung gehöre gepflegt: «ich werde mich dafür einsetzen, dass sich die Altstadt weder zu einem innerstädtischen Sanatorium noch zu einem Disneyland entwickelt.» Grossenbacher ist auf die Entwicklung der Schützenmatte gespannt: Gleich neben dem Bahnhof sollen nach dem Willen der Berner Stadtregierung 150 Parkplätze verschwinden. Und zwar ersatzlos: «Das ist ein völliges Novum. Früher waren Parkplätze heilig.» Der Gewerbeverband KMU Stadt Bern hat eine Einsprache gemacht, es dauert wohl noch eine Weile, bis die Schützenmatte ganzjährig und nicht nur temporär in den Sommermonaten belebt wird.

Blick in die Regionen
Für die Regionalgruppe Bern lohnt sich nun der Blick über den Stadtrand hinaus: «In den Landgemeinden gibt es teilweise zu wenig Alternativen zum Auto. Da bleiben wir dran», sagt Franziska Grossenbacher. Längst sei es bei einem Vorstellungsgespräch bei der städtischen Verwaltung kein Makel mehr, VCS-Mitglied oder VCS-Mitarbeiterin zu sein: «Das ist nun sogar ein Leistungsausweis.»


Über die Hälfte des Strassennetzes ist beruhigt
Die ersten Tempo-30-Zonen wurden 1992 umgesetzt. Heute sind auf Quartierstrassen in Wohnquar-tieren flächendeckend Tempo-30-Zonen eingerichtet, das ergibt 189 Kilometer von insgesamt 343 Kilometer Strassennetz.
Die erste Begegnungszone wurde im Jahr 2000 eingeführt, aktuell bestehen in der Stadt Bern 102 Begegnungszonen (24 Kilometer).

Ein Gedanke zu „Bern ist vernetzt

  1. Die Entwicklung ist erfreulich. Schade ist jedoch, dass im Kanton Zürich die kantonalen Stellen Projekte ausarbeiten und bewilligen, die dann von den Gemeinden finanziert werden müssen.
    In 8494 Bauma wurde eine Initiative für eine Tempo-30-Zone vom Gemeinderat nur deshalb abgelehnt, weil die Kosten von ca. Fr. 350’000.– den Finanzrahmen dieser Landgemeinde sprengen würde.
    Ab und zu treffe ich auf Tempo-30-Zonen mit einfachen Signalisationen und ohne teure Bauwerke. Bürger und Behörden von Gemeinden sind frustriert, dass sie kaum noch autonom und lokal entscheiden können.

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