Zürich: Jede Nische zählt

Eine Stadt, die mehr Grünräume erhält, ihrem Ruf als «ÖV-Stadt» gerecht bleibt und endlich ein sicheres und attraktives Velonetz erhält: So wünschen sich Gabi Petri und Markus Knauss Zürich.

Von Dominique Rast

«Freier Blick aufs Gleis, das freut mich jedes Mal», sagt Gabi Petri und lacht. Die Co-Geschäftsführerin des VCS Zürich erzählt vom Widerstand, den der VCS Zürich gegen das Projekt Eurogate geleistet hat. Die Gleise wären um ein Haar mit einer Riesenüberbauung und einem unnötigen Parkdeck überbaut worden, die der Fläche von zehn Fussballfeldern entsprochen hätte. Eurogate hätte auch die Durchmesserlinie, eine erfolgreiche Volksinitiative des VCS, verunmöglicht – der Widerstand des VCS war also für die Bahnzukunft entscheidend. Markus Knauss zeigt neben der Sihlpost auf den aktuell noch vorhandenen Veloweg: «Wir setzen uns nicht nur für grosse, sondern auch für kleinere Projekte ein – dieser Velostreifen etwa ist durch Parkplätze bedroht.» Verkehrssicherheit und Stadtentwicklung gehen Hand in Hand. Denn wo vor zehn Jahren noch kaum Leute waren, ist mittlerweile die Europaallee entstanden. In diesem Komplex finden sich nicht nur eine pädagogische Hochschule, sondern auch Wohnungen, viele Büros, Restaurants, Geschäfte. Deutlich besser, als das, was Eurogate gebracht hätte. Eine Aufwertung der Bahnhofsumgebung, finden Petri und Knauss. Der für den VCS Arbeit bringt: Wer mit dem Velo zum Bahnhof will, braucht sichere Velowege, wer zu Fuss kommt, ein breites Trottoir. Diese Infrastruktur gilt konsequent zu verhandeln und durchzusetzen.

Bäume retten

Bahnzukunft und Stadtentwicklung, Grünräume in der Stadt, um die Auswirkungen des Klimawandels ein wenig abzufangen: Ein weites Feld bearbeiten die beiden. Ermüdungserscheinungen nach über 25 Jahren Einsatz für den VCS? Die zwei wechseln Blicke, lächeln und zucken mit den Schultern. Knauss bezeichnet es diplomatisch als «ärgerlich», dass Entscheidungsträger kaum etwas dazu lernen. Und Petri ergänzt, dass sie hin und wieder Argumente rezyklieren müsse, weil erneut versucht wird, eine autogängige Stadt wie in den 70-er Jahren zu planen. Doch die Erfolge motivieren. Etwa, dass sie ganz konkret neun Bäume an der Kasernenstrasse gerettet haben. Geplant war, sie für einen Veloweg zu fällen. «Wir wollen die schwächeren Verkehrsteilnehmer schützen und Grünflächen erhalten», betont Petri. Die Lösung sei am Ende einfach gewesen, erklärt Knauss: «Sechs Parkplätze aufheben und schon war der Velostreifen möglich.»

Verdichten statt versiegeln

Eine Stadt der kurzen Wege wünschen sich die beiden, eine Stadt, in der man in der Mittagspause draussen essen und auf dem Heimweg einkaufen kann. Verdichten bedeute, dass nicht einfach Betonbauten in die Höhe schiessen, sondern wohlüberlegt durchmischt und kleinkörnig geplant und gebaut wird. Lebenswert soll Zürich sein, mit viel Grünraum, entspannt und vielfältig. Dazu braucht es auch ein Verkehrssystem, dass mit wenig Fläche viele Leute transportieren könne, wie das zum Beispiel mit dem öV, dem Velo und zu Fuss möglich ist.

Die Zürcher Stadtpräsidenten Corinne Mauch sieht es ganz ähnlich: «Zürich ist gut und erfolgreich unterwegs, die Menschen leben gerne hier. Ich setze mich dafür ein, dass dieses Erfolgsmodell Zürich auch bereit ist für die Herausforderungen von morgen.» Deshalb will sie weiterhin ins Potenzial und in die Stärken von Zürich investieren: in eine einzigartige Lebensqualität, in herausragende Innovationkraft, in ein hochstehendes Kulturangebot, eine zukunftsgerichtete, moderne Infrastruktur und, ganz wesentlich, in das gute Zusammenleben einer zunehmend vielfältigen Bevölkerung.