Flixbus: Monopolknacker Busfahrt von Bern nach München

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Busroute: Annecy>Genf>Lausanne>Bern-Neufeld>St. Gallen>München

Serge Kaufmann
Freitag 24.03.2017

13h20 Der in grüner Farbe gehaltene Flixbus kommt 5 Minuten vor Abfahrtszeitpunkt an. Im einstöckigen Bus sind schon 7 Passagiere drin aus Genf oder Lausanne (Platz hätten wohl um die 50 Personen).
Fahrer ist Franzose und spricht Fahrgäste konsequent und nett auf französisch an. Beim Einchecken spricht er die Fahrgäste mit dem eigenen Vornamen – versteht sich doch von selbst, wir sind eine Community!
Dachfenster mit Oberlicht längs der Ganzen Fahrgastkabine sind angebracht. Tolles Licht, wie im Panoramawagen der SBB. Jedoch eher unbequem hohe Sitzhöhe – wohl für Standardmenschen der Körperlänge 190 cm?

13h25 pünktliche Abfahrt, es sind in Bern noch 13 Fahrgäste hinzugestiegen -Bus bleibt halb leer.

14h40, hält (schon) an für Pause an Autobahnraststätte, Spreitenbach Möven-pick, (vorgeschriebene Pause für den Fahrer nach 4h30min Fahrens… er kommt ja schliesslich schon von weit weg!)

15h10
Abfahrt, keine Möglichkeit in Zürich aus oder einzusteigen… man bleibt auf der Autobahn. Auf Höhe Zürich-Umfahrung stecken wir schon im ersten Stau. Und verlieren hier wohl schon 25 Minuten auf unseren Fahrplan.

Kein Internet! Dabei wäre jeder Sitzplatz komfortabel mit Stromanschluss ausgestattet. Flixbus will wohl nicht die paar Hundert Franken für eine schweizweite Internet-Karte zahlen? Auf der deutschen Teilstrecke soll das Wi-Fi-Internet wahrscheinlich wieder funktionieren, meinte der Fahrer. Dem war aber nicht so.
Was solls, dann verliere ich halt 5 Stunden Arbeitszeit, ist eh schon Freitagnachmittag. Ich betrachte die Landschaft längs der Autobahn A1 und schaue auf den im Dachbereich angebrachten Fernseher. Dieser lichtet in Echtzeit die Pilotensicht auf die Autobahn. Ich kann nun die Autos und Lastwagen vor mir sehen. Gerne hätte ich diese überholt. Viel Überholen liegt jedoch nicht drin. Der Tacho scheint auf 100 km/h limitiert zu sein.

17h05 Grenzübergang irgendwo im St. Gallischen, Österreicher und Deutsche machen keine Grenzkontrollen.

Und Ankunft in München mit circa 40 Minuten Verspätung wegen Baustellen um Zürich-Autobahn herum. Der Ausstieg ging in maximal 2 Minuten vonstatten, wobei es eine echte Herausforderung war, das eigene Gepäck aus dem 3-lagig geschichteten Kofferberg mit aller Kraft herauszuzerren. Die Angst der eigene Koffer könne in dem Gewühl geklaut werden war die ganze Fahrt hindurch ein ständiger Begleiter.

  • Planfahrzeit 5h25 min.
  • Ist: 6h05 min.

Auf der Rückfahrt wird es lustig
Es ist Montag der 27.03.2017, 11h00. Der Fahrer: wieder ein Franzose, grüsst auf Englisch und Französisch je 1 Minute lang. Da er kein Deutsch kann sagt er: Und nun Auf Deutsch „Guten Tag“, Ende der Durchsage… der Bus lacht sich krumm. Immerhin macht er uns nichts vor!

Abfahrt wie immer pünktlich. Internet funktioniert auch in Deutschland nicht, obschon mit Wi-Fi onboard geworben wird. Scheint System zu haben.
Bordtoilette für die es einen Schuhlöffel braucht um reinzukommen, schliesst, und sperrt Leute innen ein (mehrmals). Eine ältere Dame kann schon fast nicht mehr, nach gut zwei Stunden „Halten“. Fahrer muss unplanmässig anhalten um dem Mysterium der spukenden Toilettentüre nachzugehen und verliert somit wertvolle Minuten, die die Mitfahrer Eifrig nutzen um die Toilette des Autobahn-Halteplatzes zu benutzen.

Grenzkontrolle in die Schweiz: Da wird jeder Ausweis an Ort genau geprüft. Der Zöllner gibt sich Mühe effizient die grosse Menge an Ausweisen einzeln und seriös zu prüfen. Der Zöllner ist hoch-konzentriert und weiss sichtlich, worauf er achten muss. Die CH-Identitätskarten, die er einfach durchwinken kann sind sichtlich in der Unterzahl. Ca. 10 Ausweise verlassen den Bus und werden im Zollwär-terhäuschen wohl am Computer eingehender überprüft. Die sitzenden Reisegäste rumoren ob des Wartens… nach 20 Minuten geht es weiter.
Es ging lange, zu lange. Im Zuge wäre dies während des Fahrens passiert. Das scheint immer so zu sein erzählen Mitreisende. Darauf deutet auch das Fahrplansystem von Flixbus hin. Es sieht für die Rückfahrt aus München nämlich genau 30 Minuten mehr Zeit vor als für die Hinfahrt: auf der genau gleichen Route!
70% vom vollbesetzten Bus steigen in St. Gallen aus.

60 km vor Bern, PAUSE!
Diese für den Fahrer, sowie Fahrgäste obligatorische Pause von 30 Minuten auf der Autobahnraststätte Kölliken-Nord, hätte ich so kurz vor dem Ziel nicht mehr gebraucht. Zum Trost für den systembedingten Zeitverlust bekam ich die futuristisch anmutende Lounge des Gaststätten-Restaurants MIGROLINO zu sehen. Leitthema: Kontroll-Tower Aussicht auf die Autobahn!
Das Spazieren auf den engen Wende-und-Parkplätzen der Raststätte muss als Fussgänger gut geübt werden. Die 40-Tönner Lastwagen, sind hier in der Überzahl. Vorsicht ist explizit geboten – worauf der Busfahrer auch mehrmals hinweist.
Ankunft in Bern mit ca. 15 Minuten Verspätung (ist OK).
Planfahrzeit 05h55min, ist 6h10min.

15% der ursprünglichen Fahrgemeinschat steigen in Bern aus.
Es bleiben wohl noch gegen 8 Fahrende bis nach Lausanne-Genf.

In Genf wird der Bus dann anscheinend wieder voll werden, meinen zwei Mitrei-sende. Dort werden viele Franco-Pendler für 6 Franken mit dem Flixbus nach Annecy (F) die internationale Kurzstrecke fahren, 50 Minuten Fahrzeit. Mit der SBB und Halbtax würde dieselbe Fahrt 13 Franken kosten.

Komfort? Preis? Was ist wichtig?
Flixbus ist somit jetzt bereits informeller Teil der regionalen Verkehrsbetriebe von Genf und frisst diesen wohl nach und nach in die Kalkulationen und Preismechanismen rein… mit jedoch noch eingeschränktem Fahrplan, und je nach Erwartung, eingeschränktem Service.
Es ist schwer vorstellbar, dass sich die Busfahrer der Company stark mit ihren grün-gestrichenen Flixbussen identifizieren. Sie tun sicherlich ihr Bestes: Fahren. Und sie fahren alleine und über weite Strecken.
Offen bleibt die Frage, inwiefern solch ein Angebot tatsächlich der SBB echte Kunden entzieht. Gegenwärtig sicherlich einige im regionalen Verkehr um St. Gal-len und Genf herum, denn wer da ein-und-ausstieg verhielt sich wie ein routinierter Pendler. Woran erkennt man einen Berufspendler? Er rennt einen über den Haufen, sobald man 15 cm Platz an seiner Seite offen lässt. Jede Lücke wird zum Weg, so klein sie auch erscheinen mag.

Für die lange Strecke? Sicherlich entzieht der Bus der SBB jetzt schon ein paar Kunden. Aber vielleicht ist die Frage auch falsch gestellt, was mein Beispiel verdeutlicht.
Ich hätte die zwei Reisen die ich in den letzten sechs Monaten von Bern/Zürich nach München gemacht habe, überhaupt nicht angetreten. Weder mit dem Zug, noch mit dem Privatauto, noch mit dem Flieger. Einzig der Billigpreis ist es gewe-sen, der meine Reise motiviert hat (Hinfahrt ab Bern/Zürich CHF 23, Rückfahrt ab München CHF 19.50).
Was man anbringen könnte, ist also, dass so wie es Flixbus macht, der Ferntransport eventuell dermassen verbilligt wird, dass einfach mehr Verkehr entsteht. Menschen verbringen weniger Zeit in ihrer Region, dafür mehr im Bus und weit weg, sei es als Touristen, sei es als saisonale Gastarbeiter oder routinierte Berufspendler.
Es gibt aber auch andere Beispiele. So war ein mitreisender Doktorand aus China von München nach Lausanne unterwegs. Dieser wollte ursprünglich den Flieger von München nach Genf nehmen, entschied sich jedoch in letzter Minute für den billigeren Bus.