Debatte: Verbrenner raus aus den Innenstädten?

Ein Thema – Zwei Meinungen



Andreas Burgener
Direktor auto-schweiz,
Vereinigung Schweizer Automobil-Importeure

«Einfahrverbote in Zentren für Verbrenner
kommen Enteignungen
gleich, die angesichts der Fakten völlig überzogen sind.»

 

Noch nie war die Luftqualität in der Schweiz so hoch wie heute. Seit Beginn der Messungen in den neunziger Jahren ist der jährliche Mittelwert bei der Belastung mit Feinstaub und Stickoxid massiv zurückgegangen. Das zeigen die Ergebnisse des Bundesamtes für Umwelt BAFU. Während vor 25 Jahren vielerorts noch hohe Konzentrationen der beiden Verbrennungsstoffe gemessen wurden, können heute fast überall die langfristen Grenzwerte eingehalten werden. Dies ist zunehmend auch in Städten der Fall. Einen grossen Mitverdienst daran hat die Automobilindustrie, die seit Jahrzehn-ten bestrebt ist, ihre Fahrzeuge effizienter und sauberer zu machen.

Natürlich haben die Entwicklungen rund um den Diesel in den vergangenen Jahren diese Fakten in den Hintergrund gedrängt. Das ist bedauerlich, aber natürlich trägt die Industrie selbst daran eine Mitschuld. Dass Lehren gezogen wurden, zeigen die neuesten Abgastests moderner Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Gerade beim Diesel werden mit grossem Aufwand die Stickoxide aus den Abgasen gefiltert und/oder mittels AdBlue, einer Harnstoff-Lösung, neutralisiert. Diese Technik ist hocheffektiv, aber teuer, und wird deshalb dazu führen, dass vor allem der ein oder andere Kleinwagen nicht mehr als Diesel angeboten wird.

Diesen Anstrengungen seitens der Automobilbranche und den Fakten bei der Entwicklung der Luftqualität nun mit der Holzhammermethode zu begegnen, ist der völlig falsche Weg. Ein Vergleich von Städten in der Schweiz mit Metropolen in Deutschland wie Hamburg oder Stuttgart, wo Messwerte deutlich über denen hierzulande liegen, verbietet sich. Einfahrverbote in Zentren für Verbrenner kommen Enteignungen gleich, die angesichts der Fakten völlig überzogen sind. Das sage nicht nur ich, sondern vor allem auch Bundesrätin und Verkehrsministerin Doris Leuthard.


 

Balthasar Glättli
Nationalrat Grüne/ZH

«Kraftvoll, leise, und elektrisch: so bewegt
sich das Auto der Zukunft in der Stadt.»

 

Autos prägen unsere Zeit. Und unseren Raum. Die Agglomerationen, aber auch die Stadtzentren sähen ganz anders aus, wenn nicht die Bedürfnisse des Autos die Architektinnen und Planer geleitet hätten. Wenn wir dem Charme einer Altstadt erliegen und sie zum Reiseziel erküren, dann lockt uns Städtebau, der erhalten blieb aus der Zeit vor dem Diktat der automobilen Gesellschaft.

Darum könnte man leicht die Debatte hier als Nebenschauplatz abtun: Was hat das Auto überhaupt in den Städten zu suchen! Es gibt ja keine Siedlungsform, die sich besser für sanfte Mobilität und Fortbewegung im ÖV eignet. Und die eigentliche grüne Kernaufgabe bleibt tatsächlich die, immer mehr Stadt-Quartiere autoarm oder autofrei zu machen.
Dennoch: Verbrenner aus den Innenstädten zu verbannen, bleibt ein sinnvolles Zwischenziel. Koh-lendioxid, Stickoxide, Feinstaub konzentrieren sich dort, wo Autos am dichtesten unterwegs sind. In Deutschlands Städten hat dies vielleicht bald Konsequenzen: Wegen ständiger Grenzwertüber-schreitungen drohen gerichtlich erzwungene Fahrverbote zumindest für Dieselfahrzeuge. In der Schweiz dagegen wird die Überschreitung der Grenzwerte bei Luftreinhaltung und Lärmschutz offenbar weiterhin als unabwendbares Naturgesetz akzeptiert. Obwohl Menschen dies mit ihrer Gesundheit bezahlen.

Dabei würde, wer von den eigenen vier Rädern partout nicht lassen will, in der Stadt die besten Bedingungen finden für den Umstieg auf ein leichtes und kleines Elektromobil. Die gefahrenen Strecken sind kurz, der Weg zur Auto-Steckdose auch. Unverständlich bleibt mir darum, warum gerade jene Autofans, welche doch sonst Technik und Motoren mit Zupf bewundern, sich der Autorevolution in der Innenstadt verweigern. Kraftvoll, leise, und elektrisch: so bewegt sich das Auto der Zukunft in der Stadt.

Ein Gedanke zu „Debatte: Verbrenner raus aus den Innenstädten?

  1. Es scheint mir auch sinnvoll, auf die schleichende Entwicklung von ‚abgabefreiten‘ Werbeträgern (Geschäftslieferwagen) in öffentlichen Gebieten hinzuweisen. Die Grosszahl der Privatwagen stehen nachts und übers Wochenende in Tiefgaragen, während immer grössere Geschäfts-Vans oder andere Lieferwagen die sonst schon raren Parkplätze in Privatquartieren versperren!!! Abgesehen von schädlichen Abgasen sind solche Entwicklungen auch visuell/emotional gesundheitsschädigend. Man kann sich am Abend oder übers Wochenende nicht mehr wirklich entspannen… und schaut non-stop in diese unerwünschte GRATIS-Werbung.
    Weshalb wird dieses Thema nie aufgegriffen ?

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